Screenshot Twine

Interaktive Dilemma-Geschichten im Ethik-Unterricht mit Twine

Im Ethik- und Philosophie-Unterricht diskutieren die Schüler*innen oft über ethische Dilemmata. Mit Twine können sie selber multimediale, interaktive Geschichten entwickeln, mit denen sich ihre Mitschüler*innen dann auseinander setzen können. Das Tool eignet sich auch gut zur Umsetzung von variablen Gedankenexperimenten.

Ethische Dilemmata sind ein wichtiger Bestandteil im Ethik- und Philosophie-Unterricht. Die moralischen Zwickmühlen dienen Schüler*innen dazu, ihre eigenen Standpunkt zu finden und ihre Urteilsfähigkeit zu erproben und zu verbessern. Eine gute Quelle sind die Gewissensfragen aus dem Magazin der Süddeutschen Zeitung. Aber auch Romane, Filme oder Computer-Spiele werfen nicht selten Dilemmata auf, die sich im Unterricht gut diskutieren lassen.

Eine spannende Quelle für Dilemmata können aber auch die Schüler*innen selber sein. Dabei können sie nicht nur eigene Alltags-Dilemmata einbringen. Eine weitere Möglichkeit ist, dass sie selber eigene Dilemma-Geschichten entwickeln.

Das Tool Twine bietet dabei die Möglichkeit, dass Schüler*innen ihre Ideen in interaktive, multimediale Geschichten verwandeln. Diese haben durch die interaktiven Möglichkeiten den Charakter eines Spiels.

Twine ist eine kostenlose Open-Source-Software. Sie lässt sich auf Desktop-Rechnern installieren, kann aber unter der Adresse http://twinery.org/ auch als Web-Anwendung im Browser genutzt werden. Schüler*innen erstellen hier mit relativ einfachen Mitteln komplexe, verzweigte Geschichten mit verschiedenen Pfaden entwickeln. Dabei lassen sich auch Bilder und Youtube-Videos einbinden. Einen guten ersten Einblick bietet das Online-Tutorial von Nele Hirsch oder die Erklärvideos vom Wiener Bildungsserver.

Twine lässt sich auch gut nutzen, um Gedanken-Experimente interaktiv umzusetzen. Ein bekanntes Dilemma-Gedankenexperiment ist das sogenannte Trolley-Problem: Man stelle sich vor, ein Zug führe auf eine Weiche zu, auf der fünf Gleisarbeiter arbeiten. Ein Aufseher sieht das und könnte noch rechtzeitig die Weiche umstellen. Allerdings würde das einen einzelnen Gleisarbeiter auf dem anderen Gleis das Leben kosten (siehe Abbildung). Die Frage ist nun: Soll der Aufseher die Weiche umstellen oder nicht?

Autor*innen: McGeddon/Zapyon Lizenz: CC BY-SA 4.0

Eine gelungene Verfilmung einer Variante des Gleisarbeiter-Problems ist der Kurzfilm „Sommersonntag“ mit dem bekannten Schauspieler Axel Prahl. Diese kann auch sehr gut als Grundlage für Diskurse im Unterricht dienen.

Solche Gedankenexperimente sind vor allem spannend, weil sie es erlauben durch leichte Variationen unseren eigenen moralischen Intuitionen auf die Spur zu bekommen. Macht es beim Trolley-Problem einen Unterschied, ob die Menschen auf den Gleisen alt oder jung sind, ob es sich um Strafttäter oder unbescholtene Bürger handelt, oder ob ich nur eine Weiche umlegen muss oder eine Person auf die Gleise schubse?

Solche Variationsmöglichkeiten lassen sich in interaktive Geschichten mit Twine leicht integrieren. Das Tool ermöglicht es, die Geschichte abhängig von den Entscheidungen der Spieler anzupassen. Insofern ist es möglich, den Schüler*innen die Integration solcher Variablen auch als zusätzliche Aufgabe mit auf den Weg zu geben. Das erhöht umgekehrt auch den Wiederspielwert und vertieft die Auseinandersetzung der anderen Schüler*innen.

Im Ethik-Unterricht interaktive Geschichten entwickeln zu lassen, hat aus meiner Sicht mehrere Vorteile: Weil die Schüler*innen selber Geschichten erdenken, bekommen sie ein besseres Verständnis davon, was Dilemmata und Gedankenexperimente ausmacht. Die Geschichten können in einer Unterrichtsreihe zudem als gute Grundlage für eine fortlaufende Auseinandersetzung bieten – etwa um verschiedene Theorien zu erproben. Gleichzeitig bietet ein solches Projekt den Schülerinnen viele kreative Gestaltungsspielräume, was auch die Motivation fördern kann. Zuletzt fördert der Umgang mit Twine aber auch die Medienkompetenzen.

Die ersten Erfahrungen im Unterricht waren in jedem Fall vielversprechend: Die Schüler*innen entwickelten spannende Geschichten und hatten dabei viel Freude. Auch die anschließende Auseinandersetzung offenbarte eine gute Grundlage für die weitere Arbeit.. Wer ein solches Projekt selber mal ausprobieren möchte findet hier als Vorlage einige Folien mit Arbeitsaufträgen und Bewertungskriterien:

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