Schule vs. Bildung

Nachdem wir uns in der letzten Philosophiestunde mit der Rede „Wie wäre es, gebildet zu sein?“ von Peter Bieri auseinander gesetzt haben, ist schnell deutlich geworden, dass sein Bildungsverständnis nicht zu unserem Schulsystem passt . Von Léa Mitsch

Der Bildungsbegriff mit dem wir meist konfrontiert werden, meint mit Bildung die Aneignung und Wiedergabe von faktischem Wissen. Die Fähigkeit, den Verlauf der beiden Weltkriege einwandfrei wiederzugeben und jeden Abend Tagesschau zu sehen, erweckt in uns meist den Eindruck einem gebildeten Menschen gegenüber zu stehen. Allerdings hat der Philosoph Peter Bieri eine vollkommen andere Definition des Begriffes.

Für ihn bedeutet Bildung nicht, dass man jede chemische Formel kennt und man die Hauptstädte jeder Nation auf diesem Kontinent kennt. Sondern für ihn muss Bildung von einem selbst kommen. Ausgebildet werden kann man von anderen, aber um sich wirklich zu bilden, muss der Wunsch dazu aus einem selber kommen. Man muss sich wirklich interessieren und mit einem Thema auseinandersetzen um schlussendlich etwas darin zu finden, was man selber als sehr wichtig ansieht und an sich ändern oder hinzufügen möchte. Erst dann hat man sich Bieris Definition nach gebildet.

Um auch den Aspekt der Weltgewandtheit aufzugreifen, der oft in Kombination mit Bildung fällt, ist zu sagen, dass nach Bieri die Bildung eine Orientierung in der Welt und auch eine Form der Selbsterkenntnis und Verbesserung darstellt. Durch Bildung ist man fähig, seine ganz persönliche Meinung zu formulieren, und nicht nur zwischen den Pro- und Contra-Seiten zu wählen, die einem im Unterricht vorgekaut werden.

Bildung soll beim Leben helfen

Beide genannten Aspekte der Bildung haben den Zweck, uns beim „Leben“ zu helfen und Bieris Definition lässt ein viel facettenreicheres und diskriminierungsfreieres Spektrum an Bildung zu, deswegen sollte dieses auch unser Leitbild für die Erstellung eines Lehrplans und einer guten Schule sein. Von Bundesland zu Bundesland variieren die Lehrpläne zwar teilweise, aber an sich steht darin, dass wir bestimmte geschichtliche Fakten, physikalische und biologische Gesetze und mathematische Formeln kennen müssen. Dabei wird jedoch das Spektrum an Informationen, Theorien und Ideen das vorhanden ist ziemlich eingedämmt, da alles, was nicht in dieser „To-Do-Liste“ steht, als zweitrangig erachtet wird.

Insbesondere während meines Auslandshalbjahres in Frankreich ist mir aufgefallen, wie unterschiedlich die Auffassungen von Bildung, nicht nur im philosophischen Sinne wirklich sind. In Frankreich habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Wert wirklich auf purem Sachwissen besteht. So wird man, meiner Erfahrung nach, zum Beispiel nur äußerst selten nach seiner eigenen Meinung gefragt und es kommen auch kaum Unterrichtsdiskussionen zu Stande. Persönlich bin ich der Ansicht, dass Deutschland in diesem Punkt etwas weiter ist, da zumindest die Bestrebung da ist, auch die eigene Meinung und Kritik mit einzubeziehen.

Das wichtigste Kompetenz: Die Fähigkeit zur Angepasstheit

Jetzt aber zurück zu der Überlegung, welche Bildung und welche Kompetenzen man mithilfe des Schulsystems vermitteln könnte und sollte. Wie bereits erwähnt, vertrete ich die Ansicht, dass die Kompetenz, die uns vom Schulsystem aktuell vermittelt wird, Angepasstheit ist. Natürlich handelt es sich dabei um eine Kompetenz, also etwas, das man kann, aber ich bin der festen Überzeugung, dass es nicht unser höchstes Bestreben seien sollte, das zu tun, was andere von uns erwarten. Einige Kompetenzen, Ereignisse und Meinung werden schlichtweg dadurch diskriminiert, dass sie nicht ernst genommen oder als unwichtig erachtet werden.

Auch wenn das ein Beispiel ist, das vielseitig ausgelegt werden kann, wäre da beispielsweise, die Situation des Abschreibens. Vielleicht belügt sich der Schüler damit selbst, was seine Fähigkeiten betrifft, aber was den anderen Schüler betrifft, ist zu diskutieren, was dieser für Charakterzüge aufweist. Einerseits zeigt er doch große Kameradschaft und Hilfsbereitschaft gegenüber seinem Mitschüler, andererseits hilft er beim Betrug. Falls er seinem Mitschüler jedoch nicht hilft, könnte man auch sagen, dass er rücksichtslos und egoistisch ist. Dass für ihn nur seine Arbeitsergebnisse zählen. Was in der Schule als „richtig“ gewertet ist, ist ganz klar, da jeder der beim Schummeln oder bei der Mithilfe zum Schummeln erwischt wird, mit harten Konsequenzen zu rechnen hat. Allerdings ist es im Leben weitaus komplizierter zu entscheiden, welche Kompetenz schlussendlich mehr „wiegt“.

Kompetenzen wie Mitgefühl werden nicht berücksichtigt

Des weiteren muss, das Spektrum an Qualitäten ausgeweitet werden, die in der Schule positiv bewertet werden. Nicht jeder Schüler ist selbstbewusst und stellt sich vor die ganze Klasse, um seine These zu verteidigen, einige Schüler haben ihre Stärken in Bereichen wie Mitgefühl, Teamarbeit oder auch Unterstützung anderer und diese Kompetenzen werden leider viel zu oft unter den Tisch gekehrt. Damit meine ich nicht, dass sie im Unterricht ignoriert werden, sondern das sie bei der Bewertung schlichtweg weniger positiv auffallen, als andere Aspekte. Nach unserem Schulabschluss sollen wir als gebildete, kritisch denkende Individuen in die Welt hinausgehen. In der Schule sollen die Kompetenzen und Fähigkeiten zum „Überleben“ in der Gesellschaft und der Welt erlernen. Allerdings wird versucht diese Kompetenzen mit Vokabeltests und Gedichtsanalysen abzufragen und auch die Äußerung von Kritik und Unglauben kann meist nur im Rahmen des Lehrplanes stattfinden.

Bedauerlicherweise ist Bildung, nicht nur die Möglichkeit sich im Leben zurecht zu finden, sondern auch eine Methode, die Menschen in die verschiedenen Klassen der Gesellschaft einzuordnen. Menschen denen weniger Bildung zuteil wurde, haben meist nicht die Möglichkeit, ein „anspruchsvolleres“ Studienfach zu studieren und das teilweise nur, weil sie in Deutsch eine schlechte Noten hatten, obwohl sie doch eigentlich Medizin studieren wollten. Damit wird ihre Jobauswahl begrenzt und ihre Zukunft eingeschränkt. Das alles basiert auf der Annahme, dass in der Schule die einzig wichtigen Kompetenzen fürs Leben beigebracht werden und wenn die Noten den Erfolg darin nicht widerspiegelt, hat man Pech.

Noten können die Facetten eines Charakters nicht einfangen

Noten sind einfach ein Versuch, eine objektive Einschätzung eines Menschen seiner Qualitäten, Kompetenzen und Fähigkeiten zu erhalten. Das Problem ist allerdings, dass Zahlen und Einschätzungen einzelner Individuen niemals die zahlreichen Facetten eines Charakters einfangen können. Es wird an falschen Kriterien und mit unpassenden Maßstäben gemessen, denn momentan ist die erstrebenswerteste Kompetenz, laut Lehrplan, die Fähigkeit zu Anpassung und eine Gesellschaft voll anpassungswilligen Bürgern ist nicht zwangsläufig das, was wir mit unserem demokratischen Bestrebungen erzielen wollten.

Wir können niemals davon ausgehen, dass jeder Schüler mit denselben Bedingungen und Hintergründen zur Schule kommen. Einige leiden unter Trennung der Eltern, andere familiären Problem oder schlichtweg Überforderung. Jeder hat seine eigenen Sorgen und nicht jeder ist in der Lage Schule als seine oberste Priorität setzen, was diese auch nicht sein sollte. Denn wie oben schon angeführt, braucht man in erster Linie die Fähigkeit zur Anpassung, um im aktuellen Schulsystem „Erfolg“ zu haben.

Wir haben uns den Noten-Käfig selbst gebaut

Bedauerlicherweise ist die Welt der Weiterbildung und der Berufswahl größtenteils genau auf die Noten, die Zahlen, ausgerichtet, die einem in der Schule gegeben werden. Sie spielen eine große Rolle und werden deshalb auch so in den Vordergrund gestellt, wenn es um das aneignen von Kompetenzen geht. Als wir dieses Prinzip im Unterricht kritisiert haben, sagte einer meiner Mitschüler, dass die Gesellschaft nun einmal so wäre und dies nicht zu ändern sei. Man darf aber niemals vergessen, dass es wir Menschen sind, die die Gesellschaft mit all ihren Normen aufgebaut haben. Wir haben uns diesen Käfig selbst gebaut und sind hoffentlich in der Lage diesen auch nach unseren Vorstellungen wieder zu ändern.

Alle Schüler haben die gleiche Chance, durch die gleichen Methoden, die gleichen Kompetenzen zu erwerben, um mit diesen die gleichen und möglichst korrekten Ergebnisse zu erzielen. So in etwa könnte man das Bildungssystem in Worte fassen. Doch der Gedanke, dass wir eine Gruppe voller Individuen mit den vielseitigsten und unterschiedlichen Fähigkeiten in einem Raum stecken, um ihnen die gleichen Werte einzutrichtern, ist bei genauerem hinsehen, doch äußerst deprimierend. Durch das Zentralabitur soll die Chancengleichheit gewährt werden, aber Fakt ist, dass wir nicht immer gleich von „gleich“ ausgehen können.

Eine seltsame Interpretation des „Survival of the fittest“-Prinzipes mit dem wir unsere heutige Evolutionstheorie begründen. Denn in diesem Fall steht das „Überleben“ einfach nur für den Erfolg im gesellschaftlichen System. Denn Fakt ist ja, dass der Mensch sich in die letzten Jahrzehnten selber eher wenig entwickelt hat und stattdessen seine Umwelt verändert hat. Die Problematik besteht darin, dass die Gesellschaft das Bedürfnis hat die Mensch einzuschätzen und einzuteilen. Aber auch Bieri hat eine genaue Vorstellung davon, wie Bildung aussieht, und demnach müsste auch möglich sein, diesen Grad an Bildung feststellen zu können. Demnach könnte man auch eine Schule nach Bieris Vorstellung aufbauen und nach dessen Prinzipien bewerten.

Manche Lehrer können Schüler bilden – und andere nicht

Doch womit und anhand welcher Maßnahmen wir die gesellschaftliche Interpretation von Bildung verändern sollten liegt für mich unter anderem in der Rolle des Lehrers. Ohne den Lehrern zu Nahe treten, die dies lesen werden, es gib Lehrer die in der Lage sind den Schüler zur Bildung zu leiten. Das bedeutet nicht ihn auszubilden, sondern mache Lehrer schaffen es in einem Schüler einen Funken von Neugierde zu finden, der die Schüler dann ganz von selber leitet sich selbst zu bilden. Andere Lehrer können dies nicht und um eine bessere Schule aufzubauen müsste man eine Methodik finden jeden einzelnen Schüler zu motivieren sich selbst zu bilden.

Persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass es mich am meisten „beeindruckt“,„motiviert“ und zum lernen anregt, wenn Lehrer von ihren eigenen Erfahrungen berichten, auf den Schüler und seine Bemühungen eingehen und dies mitbewerten. Leider ist der Aspekt der Subjektivität etwas das in der Notengebung eine große Rolle spielt und dementsprechend werden Lehrer die ein Auge zu drücken, oft dafür, von anderen Schülern, auch kritisiert. Ob dies zurecht geschieht oder nicht, hängt leider von derselben Subjektivität ab, mit der auch die Note entschieden wird. Denn jeder legt Wert auf andere Dinge und wertschätzt unterschiedliche Aspekte und Kompetenzen, mehr als jemand anderes.

Bei uns im Sportunterricht gilt nicht nur die Leistung die ein Schüler erbringt, sondern auch sein Wille und seine Art wie er Situationen angeht. So etwas sollte es auch in anderen Fächern geben. Es gibt Schüler, denen die guten Note zufliegen und man kann nicht sagen, dass diese deswegen eine schlechtere Note verdienen, aber trotzdem bin ich der Ansicht das Leistungsbereitschaft, Eigeninitiative und harte Arbeit besonders honoriert werden sollten.

„Bildung ist die mächtigste Waffe, um die Welt zu verändern“

Bildung ist etwas sehr mächtiges und schon Nelson Mandela bezeichnete Bildung als die mächtigste Waffe, die es gäbe, um die Welt zu verändern. Gerade deswegen ist es auch so wichtig, dass man an Bildungs- und Ausbildungsmethoden arbeitet, um diese konsequent zu verbessern. Die nächste Frage wäre für mich, ob Bildung für uns bedeutet, denn besten Menschen aus uns zu machen, denn wenn das der Fall ist, muss man wie oben diskutiert, genau überlegen, an welchen Maßstäben wir das messen wollen und diese dann anpassen.

Dieser Essay ist im Unterrichts-Projekt Gute Schule entstanden. Weitere Schüler-Beiträge zu diesem Projekt finden sich unter dem Schlagwort Gute Schule.

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