Was ist Bildung? von Maria Schilin

Bildung als Schlüssel zum guten Leben

„Bildung ist ein Wert wie Liebe, sagt der Philosoph Peter Bieri. Dieser Essay analysiert, inwiefern dieser Wert in unserem Schulsystem auf der Strecke bleibt. Von Maria Schilin

Bildung ist ein kontrovers diskutiertes Thema, wobei sich die Kommunikation schwierig gestalten kann, da die Meinungen teilweise weit auseinander gehen und verschiedene Menschen verschiedene Vorstellungen haben und andere Schwerpunkte setzen, wenn es darum geht, sich zu bilden. Wenn wir also über Bildung reden wollen, müssen wir deshalb zunächst klären, welche Betrachtungsweise wir unseren Ansichten und Einstellungen zu Grunde legen, denn je nachdem, fallen unsere Annahmen, Schlussfolgerungen und Resultate anders aus.

Gleichheit als Grundprinzip

Mein Standpunkt fußt auf der Idee der Gleichheit: Wie sich alle Menschen gleich sind, in ihrer Eigenschaft jemandem geboren worden zu sein und biologische Eltern zu haben, und so, wie eine Mutter in der Regel ihre Kinder alle gleichermaßen liebt, da sie sich in der Eigenschaft ihre Kinder zu sein alle gleich sind, so sind auch alle Menschen gleich, in ihrer Eigenschaft Kinder dieser Welt zu sein und sollten dementsprechend ein unveräußerliches Recht auf soziale Gleichgestelltheit, Frieden, und Toleranz haben.

Insofern alle Menschen gleich sind, haben sie auch die gleichen Rechte auf Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Da der Mensch als einzige uns bekannte Lebensform unter anderem mit Phantasie, Verstand und Sprache begabt und sich seiner selbst bewusst ist, hat er ein Bedürfnis nach:

  1. Freiheit
  2. Sicherheit
  3. Selbstbestimmung (an dieser Stelle wird auf ein näheres Eingehen auf die ersten drei Punkte verzichtet, um unnötige Wiederholungen zu vermeiden)
  4. einem grundlegenden Verständnis für die kausalen Zusammenhänge, die Beschaffenheit des Universums und allem darin Befindlichen, sich selbst eingeschlossen
  5. Orientierung innerhalb der eigenen Handlungs- und Wirksamkeitssphären, sowie im „ großen Ganzen“; was nicht nur geografische Orientierung beinhaltet, sondern auch historische und interpersonelle, als auch moralische.

Der Grad der Befriedigung dieser Bedürfnisse ist unter anderem durch die different ausgeprägten Fähig- und Fertigkeiten eines Individuums determiniert, allerdings spielt hier die Gesellschaft und das vorherrschende System ebenfalls eine tragende Rolle. Dabei ist es irrelevant, ob es tatsächlich darauf ausgelegt ist, dem Wohle jedes Einzelnen, der gesamten Menschheit und des Planeten zuträglich zu sein (leider ist mir eine solch utopische Gesellschaft bisher nicht bekannt), oder es nur vorgibt (Bsp.: „Matrix“, Wachowski, 1999) und die breite Masse mittels „Zuckerbrot und Peitsche“ beschäftigt, klein, ruhig und bei Laune hält. Ausschlaggebend ist, dass der Mensch nicht psychisch gesund sein kann, wenn seine grundsätzlichen Bedürfnisse – körperliche und geistige – unbefriedigt bleiben, die Erfüllung eben jener Bedürfnisse ist zwingend erforderlich, um eine “normale“ menschliche Entwicklung zu gewährleisten.

Illusion oder schonungslose Wahrheit?

Deswegen kann es in mancher Hinsicht schwierig sein, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden: Um es mit Oliver Hassencamps Worten zu sagen: „Aus Lügen, die wir glauben, werden Wahrheiten,mit denen wir Leben.“ Die Wahrheit ist zuweilen schonungslos und unbarmherzig. Nicht umsonst verwenden wir das Wort „enttäuscht“, um Frustration auszudrücken, obwohl das Präfix „ent-“ vor einem Verb lediglich darauf verweist, dass etwas in seinen vorherigen Zustand zurückgeführt bzw. rückgängig gemacht wurde. Dass man ent-täuscht wurde, bedeutet folglich eigentlich, dass eine Täuschung aufgehoben wurde, und eigentlich sollten wir Luftsprünge machen und uns darüber freuen, uns unserer falschen Annahmen entledigt zu haben (Eigentlich: ein Wort, dass man überall dort findet, wo jemand einen halbherzigen Einwand erhebt, denn im Grunde hat er seine ursprüngliche Absicht ad acta gelegt), und trotzdem ist „enttäuscht“ in unserem Sprachgebrauch negativ konnotiert.

Doch warum ist das so? Ganz einfach: Die „Matrix“ bietet anscheinend das vermeintlich „bessere“ Leben; sie wiegt einen in wohlig warmer Sicherheit und liefert Antworten auf Fragen, die die Menschheit schon seit jeher nicht einheitlich zu beantworten vermag, da, wie bereits angemerkt, die Antwort stark von der Perspektive abhängig ist. Die Matrix ist zwar nicht real, doch sie bietet Freiheit, Freude, Sicherheit und Beständigkeit. Zwar lediglich illusorische, aber immerhin. Freiheit und Selbstbestimmung werden bereitwillig zu Gunsten von Sicherheit und Gewissheit geopfert, denn der Mensch hat kein Gefühl für sein Nichtwissen; metaphorisch gesprochen, ist er auf das beschränkt, was auf seinem eigenen Teller ist, ihm fällt nicht auf, dass er eingekerkert, geknebelt und gefesselt geboren und großgezogen wurde.

Er wird sozusagen an der kurzen Leine gehalten, sodass er sich in einem bestimmten Radius frei bewegen kann, aber bloß nicht vom Weg abkommt, oder schlimmer noch, unter die Räder. Hin und wieder wirft man ihm einen Knochen zu, wenn er zu widerspenstig ist, verpasst man ihm ohne große Umschweife einen Maulkorb und durch Belohnung und Bestrafung bringt man ihm ein paar Kunststücke bei, während man unerwünschtes Handlungsweisen missbilligt und unterbindet.

Wen hat denn nicht schon mal der grausige Alarm des Weckers aus dem Schlaf gerissen, nur damit einem langsam dämmert, dass nichts echt war, und wer wäre in diesem Moment nicht froh, wenn es nicht doch nur ein Traum gewesen wäre? Hier findet im übertragenen Sinne das sprichwörtlich bekannte Prinzip: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ Anwendung. Solange ich keinerlei Kenntnis bezüglich der Existenz von etwas habe, oder auch nur einen leisen Verdacht, beunruhigt mich nichts, wie denn auch, denn ich weiß ja von nichts.

Um das an einem weiteren Beispiel zu verdeutlichen: eine Partnerschaft, bei der einer der beiden untreu war. Erst Jahre später gesteht Partner A Partner B den Vertrauensbruch und erst ab da fangen für Partner B die Probleme an. Zuvor war er glücklich mit jemandem liiert, dachte er jedenfalls, und wäre er in diesem Glauben gestorben, so wäre er glücklich und verliebt gestorben. Seine Illusionen wurden ihm genommen, wodurch er jetzt höchst wahrscheinlich unglücklich und verletzt ist. Dieser Umstand wird ihn unweigerlich verändern, z.B. können Depressionen und Bindungsangst als psychische Folgen eintreten. Er ist zwar desillusioniert, ob ihm damit geholfen ist, ist dennoch fraglich, weswegen ich es absolut verständlich finde, wenn Menschen sich an Wunschvorstellungen klammern. Es wird wohl kaum so sein, dass manche sich mit Vergnügen hinters Licht führen lassen, vermutlich ist ein solches Festhalten viel eher das Ergebnis von Angst, aber auch Selbstschutz; ein unbewusster Abwehrmechanismus, eine Vermeidungsstrategie der Psyche, wenn man so will, um seelischen Leiden zu entgehen.

Menschen und ihre Bildung sind Produkt ihrer Umwelt

Des Weiteren gehe ich davon aus, dass jeder Mensch das Produkt seiner Umwelt ist, denn die Umstände sind es, die uns zu dem machen, was wir sind, und unter denselben Umständen, würden wir wohl alle gleich werden, doch eben diese liegen beinah vollkommen außerhalb unseres Einflusses. Ich bin auf meinen Wirkungskreis beschränkt: realistisch gesehen, werde ich, als Mittelklassenbürger, weder zu viel Geld, noch zu Ansehen, Einfluss, usw. kommen. All das, allem voran der finanzielle Aspekt, bestimmt maßgeblich, welche Mittel und Wege mir zur Verfügung stehen, um Ziele zu erreichen, individuell gefördert und gefordert zu werden und meine Persönlichkeit bestmöglich zu entfalten. Letztendlich bestimmt es somit meine ganze Person, auf die die Umwelt wiederum reagiert, und immer so weiter; sie determinieren sich reziprok und verhalten sich interdependent zueinander.

Tatsächlich hat sich die soziale Mobilität vergleichsweise beträchtlich gesteigert, nichtsdestotrotz bewegen sich die meisten innerhalb ihrer sozialen Schicht und ein kometenhafter Aufstieg, vom Tellerwäscher zum Millionär, ist nach wie vor der Ausnahmefall. Demgemäß werde ich die Welt höchstwahrscheinlich nicht verändern, und ein Weilchen nach meinem Tod, wird sich niemand mehr an mich erinnern; meine Existenz verblasst nach und nach und ist es fast so, als hätte ich nie gelebt. Das ist nicht automatisch negativ, dieses Wissen kann auch erleichternd sein, denn man hat nur dieses eine Leben, also sollte man gut nutzen, aber vor allen Dingen genießen , d.h. dass das Streben nach Glück höchste Priorität haben sollte. Wenn nichts von Bedeutung ist, und alles sinnlos, dann liegt es im meiner Hand, welchen Sinn ich meinem Leben verleihe

Weiterhin ist das Schul- bzw. Bildungswesen ein Spiegelbild seiner Gesellschaft: „Während von 100 Akademikerkindern 83 den Hochschulzugang schaffen, sind es nur 23 von 100 Kindern aus Familien ohne akademische Tradition.“ Zu diesem Ergebnis kommt die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden laut einem Bericht der FAZ. Das gute Bildung sozusagen vererbt wird, ist ein offenes Geheimnis, was jedoch nicht gleich heißen muss, dass wir unserem „Schicksal“ gänzlich hilflos ausgeliefert sind. Bis zu einem gewissen Maß sind wir in der Lage aktiv unsere Umwelt zu gestalten, über den Tellerrand zu blicken und über uns selbst hinaus zu wachsen, wenn der Zufall es so will und wir den Willen dazu haben.

Es ist, wie so oft, die Kombination aus beidem: man kann noch so willensstark, motiviert und/oder begabt sein, wenn die individuellen Gegebenheiten unpassend bzw. hemmend sind, wird man scheitern. Indes zeichnet sich der Mensch durch seine Anpassungsfähigkeit aus, dies kommt im übertragenen Sinn z.B.im Sprichwort: „Wenn sich die eine Tür schließt, öffnet sich eine andere“ zum Ausdruck. Der Mensch ist in der Lage flexibel und komplex du denken, sein Verhalten zu reflektieren und sein Handeln und Erleben gezielt, aus genannten Gründen, dementsprechend zu verändern.

Schule sollte Freude am Lernen vermitteln

Meines Erachtens nach hat jeder das Potential dazu „gut“ bzw. „schlecht“ zu sein, abhängig von seinen Erfahrungen, prägen sich gewisse Tendenzen aus. Auch wenn ein Mensch von Anfang an nicht direkt ein unbeschriebenes Blatt ist, ist er formbar und lernfähig, weswegen Bezugspersonen, wie Familienmitglieder, Lehrer oder Freunde, sowie sämtliche sonstige Informationen, die besonders im Verlauf der Kindheit und Jugend aufgenommen werden, einen immensen Einfluss auf den Grad der Ausprägung seines Potential haben. Daher ist unter anderem die Schule ein Ort, an dem die Entwicklung von moralischer und sozialer Kompetenz der Kinder und Jugendlichen von großer Relevanz sein sollte. Ideal wäre eine Lernatmosphäre, in der man die inhärente Neugier eines Menschen fördert und entsprechende Rahmenbedingungen schafft, um Freude am Lernen zu vermitteln, wobei er angeregt wird emanzipiert und eigenverantwortlich zu denken und zu handeln.

Unser gegenwärtiges Schulsystem soll theoretisch all das bieten, praktisch bewirkt es dagegen meistens das Gegenteil. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der enorme Leistungs- und Zeitdruck, der heutzutage auf Schülern lastet, Dimensionen angenommen hat, die für mich kaum zu bewältigen sind. Spätestens ab der Mittelstufe habe ich lernen als unangenehm und lästig empfunden, weil ich es mit Schule assoziierte: Überfüllte Klassen/ Kurse, eingepfercht in muffigen, kleine Räume, bei ödem, ermüdendem und trockenem Unterricht. Fernab von der Realität, wird versucht, Heranwachsenden Allgemeinbildung und ihr Stellenwert zu vermitteln: „Wir sind die Schüler von heute, die in den Schulen von gestern mit Lehrern von vorgestern und Methoden aus dem Mittelalter auf die Probleme von übermorgen vorbereitet werden“, so ein Zitat, das Peter Pauling zugeschrieben wird.

Ich weiß nicht, was ich will, aber ich weiß, was ich nicht will

Stattdessen sollte man den Unterricht und generell die Fächerwahl viel freier gestalten und sich an den Stärken orientieren, um Druck, dem daraus resultierenden Stress und der Frustration präventiv entgegenzuwirken. Dagegen spricht, dass z.B. Mathematikkenntnisse in vielen Berufen und Studiengängen verlangt werden und dass ich meine Optionen einschränke, wenn ich mich zu früh festlege. Allerdings wird hier übersehen, dass, obwohl ich nicht im Geringsten weiß, was ich zukünftig beruflich machen will, ich sehr wusste früh, was ich definitiv nicht machen will und dort wo ein Zwang besteht, wird Bildung durch Unlust verhindert.

Psychologische Studien belegten, dass persönliche Relevanz den Lerneffekt, -prozess und seine Dauerhaftigkeit bedeutend beeinflussen. Ein möglicher Kompromiss könnte sein, dass im Vordergrund steht, inwiefern der Inhalt das Leben der Schüler betrifft; der beste Unterricht war nicht beim anspruchslosesten Lehrer oder bei dem mit der meisten Gruppenarbeit, sondern bei demjenigen, bei dem man wirklich das Gefühl hatte geistig bereichert worden zu sein, etwas gelernt und neue Ufer entdeckt zu haben. Zudem könnte man Bindungskurse, wie Mathematik/ Physik und Kunst/ Geschichte etablieren und zweiwöchige Praktika während der Schulzeit ermöglichen, damit man sich ausprobieren und Erfahrung sammeln kann. In Anlehnung und Orientierung an Montessori-Schulen, sollte man Unterricht individueller gestalten, sodass das Lernen freier und selbstständiger erfolgen kann.

Darüber hinaus herrscht statistisch gesehen in kleineren Lernverbänden ein besseres Klima, doch gute, fach- und sozial kompetente Lehrer sind ohnehin häufig überarbeitet und ungeachtet dessen auch nicht im Überfluss vorhanden. Eine Entlastung für die Lehrkraft, die gleichzeitig einen  Gewinn für die Schüler bedeuten könnte, könnte in der Auflösung der strikt getrennten Altersklassen bestehen. So könnten z.B. die ältere Kinder Inhalte wiederholen, indem sie die Themen vorbereiten und im Anschluss Jüngeren erklären, so dass sie von- und miteinander lernen. Währenddessen wird der Lehrer eher passiver Begleiter, gibt Anregungen und unterstützt, falls nötig.

Hierbei ist es unerlässlich, freie Lernzeiten einzurichten und auszubauen und Hausaufgaben einschränken, zumal diese eher einer Beschäftigungstherapie gleichkommen, und fähige Betreuungen zu organisieren, die einem dabei behilflich sein können, schulische Belange zu koordinieren. Im Gegensatz zum bisherigen Prinzip des Vertrauenslehrers sollte, wenn sich ein Schüler an eine Vertrauensperson innerhalb der Schule wendet, er sich dabei am besten so wohl und aufgehoben wie möglich fühlen, was nicht nur pädagogisch wertvolle Lehrende erfordert, sondern auch architektonische Maßnahmen.

Bildung als Schlüssel für ein gutes Leben

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass man nicht in allem gut sein kann, jeder ist in gewisser weise prädisponiert und bis zu einem bestimmten Punkt prädestiniert und unter der Voraussetzung, dass Elend und Kummer normalerweise nicht erstrebenswert und/oder sinnstiftend sind, woraus folgt, dass man Leidvolles vermeidet, während Glückbringendes und Sinnstiftendes wünschenswert sind, ist Bildung für den Einzelnen, sowie für die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts, der zentrale Schlüssel, um in ein friedvolles, harmonisches und lebenswertes Leben führen so können.

Zusätzlich ist Bildung ein abstrakter Begriff; sie ist nicht „greifbar“ und auch nicht konkret, sie hat keine spezifische Richtung und hat kein Ziel im herkömmlichen Sinn, denn sie hat kein Ende. Sich zu bilden ist idealerweise ein lebenslanger Prozess, der, um es in den Worten des Philosophen Peter Bieri zu sagen „ein Wert in sich ist, wie die Liebe“ und genau das, bleibt in unserem momentanen System leider auf der Strecke.

Was ist Bildung? von Maria Schilin

Was ist Bildung? von Maria Schilin

Dieser Essay ist im Unterrichts-Projekt Gute Schule entstanden. Weitere Schüler-Beiträge zu diesem Projekt finden sich unter dem Schlagwort Gute Schule.

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